So baut Katar  am deutschen Gottesstaat. Von Michael Weißenborn -„Stuttgarter Nachrichten & Stuttgarter Zeitung“; 

Jul 28, 2020 | Uncategorized | 0 comments

Europäisches Zentrum für Terrorismusbekämpfung und Intelligence Studies – Deutschland & Niederlande – ECCI

Von Michael Weißenborn  – „Stuttgarter Nachrichten & Stuttgarter Zeitung“;

Eine im Emirat ansässige Organisation fördert in Deutschland   ein Netzwerk  islamistischer  Muslimbrüder. Auch  Moscheen im Südwesten wollten Geld vom Golf.Stuttgart Christian Chesnot und Georges Malbrunot wissen bis heute nicht, wer ihnen das brisante Material zugespielt hat. Es war Ende 2016, die beiden angesehenen Nahostexperten hatten gerade ein kritisches Buch über den steinreichen Scharia-Staat Katar veröffentlicht, da landete ein Umschlag ohne Absender im Briefkasten von Malbrunot. Darin ein Stick mit Tausenden vertraulichen Dokumenten, E-Mails, Überweisungen und Spenderlisten von Qatar Charity, dem größten Hilfswerk des Emirats,  das in mehr als 70 Ländern aktiv ist –  auch in Deutschland.

„Als Informanten kommen die verfeindeten Nachbarn Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, jemand aus Katar selbst oder französische Geheimdienste infrage“, spekuliert Malbrunot von der renommierten Zeitung „Le Figaro“, der 2004 mit  Chesnot vom Sender Radio France mehr als vier Monate Geisel der Islamischen Armee im Irak war. Mithilfe der zugespielten Dokumente gelangen  die beiden zur Feststellung: Katar  finanziert   mit vielen Millionen ein europaweites Netzwerk von Organisationen, die der Ideologie der extremistischen Muslimbrüder nahestehen. Das Ziel: den politischen Islam in Europa verbreiten.

Rund 140 Moscheen und Islamzentren soll Qatar Charity mit fast 72 Millionen Euro ­finanziert haben. Mit dem Buch „Qatar Papers. So beeinflusst der Golfstaat den ­Islam in Europa“, das in diesen Tagen beim österreichischen Seifert-Verlag  erscheint, „sind zum ersten Mal Belege veröffentlicht, die aufzeigen, wie Moscheen und islamische Organisationen in Europa aus Katar unterstützt werden“, sagt die Schweizer Islam-Expertin Saida Keller-Messahli.

Auch Deutschland spielte zuletzt bei Katars Islamexport eine  wichtige Rolle. Italien ist mit 47 Förderprojekten das am meisten betroffene Land. Die Bundesrepublik rangiert mit zehn Projekten auf Platz vier in Europa. Den Unterlagen der Franzosen zufolge hat Qatar Charity bis Ende 2016 mehr als fünf Millionen Euro in vier Projekte gesteckt: 96 000 Euro gingen an das Münchner Forum für Islam,  400 000 Euro an die Dar-as-Salam-Moschee in Berlin, 300 000 Euro an eine Moschee in Dinslaken und 4,4 Millionen Euro an ein weiteres Islamisches Zentrum in Berlin.

Laut Unterlagen, die unserer Zeitung vorliegen, führen Spuren auch nach Baden-Württemberg. Zum Beispiel zum Al-Maghreb-Kulturverein  im Stuttgarter Süden. Ein Moscheeverein, an dessen Freitagsgebet vor Corona Hunderte Gläubige aus Nordafrika und arabischen Ländern teilnahmen. 2015 schrieb der damalige Vorsitzende ein Hilfegesuch an die „Glückseligkeit des Präsidenten von Qatar Charity im Staat Katar“, dem die „Bedürfnisse der muslimischen Diaspora in westlichen Ländern“ nicht entgehe.

Der Stuttgarter Maghrebiner bat den Dokumenten zufolge für seine Moschee plus Arabisch- und Koranschule um einen Zuschuss von 110 000 Euro zum Kaufpreis des fünfstöckigen Hauses und 300 000 Euro für die Renovierung. Gesamtkosten des Projekts: 1,3 Millionen Euro. Qatar Charity antwortete: Man erkenne den  Verein als Kooperationspartner an. Auch Europe Trust, die Treuhandstiftung der Bruderschaft, machte sich für  den Stuttgarter Verein stark.

Der heutige Moscheevorstand, Mohamed El Ouahabi, seit den Anfängen im Führungskreis dabei, will davon nichts mitbekommen haben. Von Spenden von Qatar Charity sei ihm „nichts bekannt“. Die Moschee sei  durch Beiträge, Spenden der Mitglieder sowie ein günstiges Darlehen finanziert worden.  Es gebe in seiner Gemeinde keine Anhänger der Muslimbrüder. „Radikale haben bei uns nichts zu suchen“, beteuert er.

Angesprochen auf den Auftritt des radikalen Predigers  Amen Dali (November 2018), meint El Ouahabi,  der sei nur „kurz zu Besuch“ gewesen. Eigenartig: Im Regal im Treppenhaus der Moschee findet sich ein Buch mit dem  Titel „Die islamische Eroberung Spaniens“. Ein Beleg für die Ideologie-Nähe zu den Muslimbrüdern? Fordert ihr Chefideologe, der in Katar lebende Yusuf al-Qaradawi, doch die Eroberung Europas durch Missionierung. Bemerkenswert auch: Abdelmalek Hibaoui fungierte nach  eigenen Angaben von 2003 bis 2006 als Imam der Moschee. Heute ist er Mitglied im Gelehrtenrat des laut Bundesamt für Verfassungsschutz der Muslimbruderschaft nahestehenden  Zentralrats der Muslime  und bildet an der Uni  Tübingen islamische Seelsorger aus. Zum Bittgesuch an  Qatar Charity sagt er: „Ich weiß nichts darüber.“ Aus  Sicherheitskreisen  heißt es zu Al Maghreb: „Wir gehen davon aus, dass der Verein ins Netzwerk der Bruderschaft eingebunden ist.“

Beim Arabisch-Deutschen Verein in Ulm  liegt der Fall ähnlich. Auch dieser Moscheeverein richtete laut den Unterlagen ein Bittgesuch an die Katarer. „Wer eine Moschee baut, dem baut Allah ein Haus im Paradies“, heißt es  eingangs. Dann geht es rasch zur Sache: „Ein Gesuch um Unterstützung (. . .), um den Kauf eines Hauses von den Häusern Allahs dem Allmächtigen und Heiligen in dieser Stadt zu ermöglichen.“ Es folgt  die Bankverbindung des  Vereins. Der Vorsitzende Abdelhak Chankouri reagierte auf mehrfache Nachfragen unserer Zeitung nicht. Experten halten auch diesen Verein für problematisch: „Wir sind uns nur nicht schlüssig, ob er zu den Salafisten oder den Muslimbrüdern gehört,“ heißt es in Sicherheitskreisen.

Die beiden Nahostexperten Malbrunot und Chesnot sind sich einig: Deutschland spielt in der Außenpolitik Katars eine immer wichtigere Rolle, insbesondere seit Saudi-Arabien und andere das Emirat wegen des Vorwurfs der Extremismus- und Terrorfinanzierung isolieren. „Berlin war der entschiedenste europäische Verteidiger“ Katars in diesem „Zermürbungskrieg“, so die beiden. Im Gegenzug versprach der junge Emir, Scheich Tamim bin Hamad al-Thani, dessen erste Auslandsreise nach der Verhängung der Blockade im Sommer 2017 nach Berlin führte, zehn Milliarden Euro in Deutschland zu investieren. Wichtiger Fürsprecher: Ex-Vizekanzler Sigmar Gabriel, gerade  mithilfe   von Großaktionär Katar  im Aufsichtsrat der Deutschen Bank gelandet. Auf Nachfrage will sich Gabriel nicht dazu äußern. Eine Sprecherin der  Bank trat dem Eindruck entgegen, bei Gabriels Wahl  hätten   seine Beziehungen  zu Katar eine Rolle gespielt: „Sigmar Gabriel ist auf Vorschlag des gesamten Aufsichtsrats auf der Hauptversammlung im Mai mit 98,05 Prozent der Stimmen als unabhängiges Aufsichtsratsmitglied gewählt geworden, und nicht von einem Großaktionär allein.“

Malbrunot und Chesnot meinen, die Entwicklung in Deutschland könnte wie in Frankreich ablaufen: „Eine religiöse Infiltration von Katar, gepaart mit einer Intensivierung der wirtschaftlichen und politischen Beziehungen.“ Katars Regierung bestreitet stets jede  Finanzierung von Extremismus. „Wir unterstützen keine bestimmten Individuen, Parteien oder Bewegungen in Deutschland“, erklärt  Katars Botschafter Mohammed Jaham Al-Kuwari schriftlich. Das Engagement seines Landes bei Organisationen  „wird vollständig mit der Bundesregierung abgestimmt“. Und: „Qatar Charity ist eine unabhängige Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Katar.“

Die tiefen Taschen des Emirats im Verein mit dem  europaweiten Netzwerk der Muslimbrüder machen die  Sicherheitsbehörden nervös. Verfassungsschützer halten die Muslimbrüder für gefährlicher als die Dschihadisten, weil sie ihr Ziel – die Errichtung eines islamischen Gottesstaats auf der Grundlage der Scharia – nicht mit Gewalt, sondern legalistisch mit einem „Marsch durch die Institutionen“ anstreben, heißt es in Baden-Württembergs Verfassungsschutzbericht. Die CDU-Integrationspolitikerin Birgül Akpinar meint: „Statt mit Extremisten einen Dialog um jeden Preis zu suchen, sollte man ihnen lieber mit allen Mitteln des Rechtsstaates entgegentreten und ihre Finanzierung aus dem Ausland unterbinden.“ Diese Forderung habe sie schon in den grün-schwarzen Koalitionsvertrag eingebracht. „Das muss man jetzt konsequent umsetzen.“ Die Islamismus-Expertin Sigrid Herrmann-Marschall warnt: „Wird da nicht klar dagegengehalten, drohen hierzulande Verhältnisse wie in Frankreich.“

In den Augen von Malbrunot und Chesnot für Deutschland besonders brisant: Die Muslimbrüder hierzulande profitieren von der Kooperation mit türkisch-islamischen Verbänden, insbesondere mit der extremistischen Milli-Görüs-Bewegung, dem türkischen Arm der Muslimbrüder, aber auch Ditib. „Und dies umso mehr, als die Türkei des Präsidenten Recep Tayyip Erdogan der engste Verbündete Katars ist“, meinen Malbrunot und Chesnot.

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