Das Europäische Zentrum für Terrorismusbekämpfung und Nachrichtdienst, Deutschland und Niederlande –ECCI
Putin hat es schon länger auf Deutschland abgesehen
TONLINE ـ Hybride Angriffe sind in Deutschland längst kein Novum mehr. Doch während andere Staaten bereits entschlossener reagieren, ringt Berlin noch um die richtige Antwort auf die Attacken.
Nach der Sichtung von Drohnen am Flughafen Leipzig/Halle tritt Bundesinnenminister Alexander Dobrindt knapp 24 Stunden nach dem Vorfall am Mittwochabend vor die Kameras. Der Minister hatte seinen Italienurlaub vorzeitig abgebrochen und sich von den Ermittlern der Bundespolizei und des LKA Sachsen informieren lassen. Die Umstände deuteten auf ein professionelles Vorgehen und ein „hybrides Anschlagsszenario“ hin, erklärte Dobrindt. Wer hinter dem mutmaßlichen Angriff steckt, sei bislang jedoch unklar.
Der Fall zeigt, weshalb sich Politik und Sicherheitsbehörden verstärkt mit hybriden Bedrohungen beschäftigen. Hybride Kriegsführung folgt keinem festen Muster. Angreifer setzen häufig auf einen Mix aus Sabotage, Cyberattacken, Spionage, Desinformation und militärischer Provokation. Oft ist das zentrale Ziel der Operationen dabei nicht primär der materielle Schaden, sondern vielmehr, die deutsche Gesellschaft zu destabilisieren und das Vertrauen in staatliche Schutzmechanismen zu schwächen.
Gerade darin liegt die besondere Gefahr: Hybride Angriffe bleiben bewusst unterhalb der Schwelle eines offenen militärischen Konflikts. Oft ist zunächst kaum zu erkennen, ob ein Vorfall auf einen Unfall, gewöhnliche Kriminalität oder gezielte Sabotage zurückgeht. Und selbst wenn feststeht, dass es sich um einen Angriff handelt, bleibt häufig unklar, wer für ihn verantwortlich ist – eine Unsicherheit, die auch im aktuellen Fall eine entschiedene Reaktion der Bundesregierung erschwert.
Putin hat es schon länger auf Deutschland abgesehen
Besonders gefährdet sind nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik die Energie- und Informationsinfrastruktur, Transport- und Logistiksysteme sowie militärisch relevante Einrichtungen und Rüstungsunternehmen.
Wie konkret die Gefahr hier in Deutschland ist, zeigte sich bereits im Juli 2024 in Leipzig. In einem Frachtcontainer geriet ein Paket in Brand, das einen Brandsatz mit Zeitzünder enthielt. Weil sich der Weiterflug des DHL-Transportflugzeugs verzögert hatte, entzündete sich das Paket noch am Boden. Andernfalls hätte es während des Fluges brennen können. Die Ermittler gehen davon aus, dass der Anschlagsversuch im Auftrag eines russischen Geheimdienstes erfolgt sein könnte.
Russische Dienste setzen dabei zunehmend auf sogenannte „Wegwerf-Agenten“. Dabei handelt es sich nicht um ausgebildete Agenten, sondern häufig um kurzfristig über Onlinedienste angeworbene Personen. Sie erhalten einzelne, vergleichsweise einfache Aufträge – etwa eine Anlage zu fotografieren, ein Paket aufzugeben oder einen Brandsatz zu platzieren. Die Aufgaben werden teilweise auf mehrere Personen verteilt, sodass die Beteiligten weder den gesamten Plan noch den eigentlichen Auftraggeber kennen.
Deutschland ist wegen seiner Unterstützung für die Ukraine in den vergangenen Jahren zu einem besonders relevanten Ziel für russische Akteure geworden. Generalinspekteur Carsten Breuer bezeichnete hybride Angriffe bereits 2025 als „tägliche Realität“ hierzulande.
Andere Staaten schalten die Nato ein
Um solche Angriffe früher zu erkennen, hat in Berlin das Gemeinsame Zentrum zur Abwehr hybrider Bedrohungen seine Arbeit aufgenommen. Im GAZ Hybrid sollen Polizei, Nachrichtendienste und weitere Sicherheitsbehörden von Bund und Ländern ihre Informationen bündeln und gemeinsame Gegenmaßnahmen entwickeln.
Einzelne ausländische Staaten reagieren bereits entschiedener auf hybride Angriffe und russische Provokationen – und schalten dabei auch die Nato ein. Ein solches Vorgehen forderte nach dem jüngsten Vorfall in Leipzig auch der CDU-Politiker Roderich Kiesewetter. Estland etwa beantragte im September 2025 Beratungen nach Artikel 4 des Nato-Vertrags, nachdem drei russische MiG-31-Kampfjets für zwölf Minuten in den estnischen Luftraum eingedrungen waren.
Artikel 4 sieht Konsultationen vor, wenn ein Mitgliedstaat seine territoriale Unversehrtheit, politische Unabhängigkeit oder Sicherheit bedroht sieht. Anders als Artikel 5 löst er keinen automatischen Bündnisfall aus, kann aber zu gemeinsamen politischen oder militärischen Maßnahmen führen. Deutschland hat bislang noch nie Artikel vier des Nato-Vertrags in Anspruch genommen.
Das Europäische Zentrum für Terrorismusbekämpfung und Nachrichtdienst, Deutschland und Niederlande –ECCI
