Europäisches Zentrum für Terrorismusbekämpfungs- und Geheimdienststudien (ECCI)
Stephen Yildiz – Amsterdam
Die Vereinigten Arabischen Emirate und die Golfstaaten im Umgang mit grenzüberschreitenden Netzwerken der Hisbollah und Irans
In den vergangenen zwei Jahrzehnten haben grenzüberschreitende Organisationen eine der sensibelsten sicherheitspolitischen Herausforderungen für die Golfregion dargestellt, insbesondere für die Vereinigten Arabischen Emirate (VAE). Während traditionelle Bedrohungen früher vor allem mit bewaffneten Gruppen und offen sichtbaren Terroranschlägen verbunden waren, hat sich die Natur der Sicherheitsrisiken zunehmend verändert. Heute dominieren subtilere Formen der Einflussnahme, die auf verdeckter Infiltration, langfristigen geheimen Netzwerken sowie der Nutzung wirtschaftlicher, finanzieller und technologischer Instrumente beruhen.
Im Zentrum dieser Entwicklung steht Hisbollah, die von den Golfstaaten als Teil eines regionalen Netzwerks betrachtet wird, das eng mit dem iranischen Einflussprojekt verbunden ist. Besonders hervorgehoben wird dabei die enge Beziehung der Organisation zu den Islamischen Revolutionsgarden (IRGC).
Die VAE und andere Golfstaaten betrachten dieses Thema nicht lediglich als politischen Konflikt mit dem Libanon oder einer bestimmten politischen Gruppierung, sondern als Frage der nationalen Sicherheit. Im Mittelpunkt stehen der Schutz staatlicher Souveränität, die Wahrung innerer Stabilität sowie die Verhinderung grenzüberschreitender Einflussnetzwerke innerhalb der Golfgesellschaften. Deshalb verfolgen die Golfstaaten eine Politik der „Null-Toleranz“ gegenüber Terrorismus, illegaler Finanzierung und verdeckten organisatorischen Aktivitäten.
Vertreter und Analysten der Region argumentieren, dass diese Strategie nicht erst infolge aktueller Konflikte entstanden sei, sondern auf eine langfristige iranische Vorgehensweise seit der Islamischen Revolution von 1979 zurückgehe. Häufig wird auf militante Aktivitäten der 1980er Jahre verwiesen, die unter dem Namen „Hisbollah“ durchgeführt wurden, bevor sich später die libanesische Organisation als zentrale Kraft etablierte. Vergleichbare Gruppierungen traten auch in Bahrain, Saudi-Arabien und anderen Golfstaaten unter unterschiedlichen Bezeichnungen auf.
In diesem Zusammenhang erklärte Emirates Center for Strategic Studies and Research-Generaldirektor Dr. Sultan Al Nuaimi, dass die Entdeckung von mehr als zwölf mutmaßlich iranisch verbundenen Zellen innerhalb weniger Wochen nicht als isoliertes Ereignis betrachtet werden könne. Vielmehr deute dies seiner Einschätzung nach auf vorbereitete „Schläferzellen“ hin, die bereits im Vorfeld aufgebaut und trainiert worden seien und auf einen geeigneten Zeitpunkt zur Aktivierung warteten.
Von militärischer Konfrontation zu „Soft Infiltration“
Eine der wichtigsten Entwicklungen moderner Sicherheitsbedrohungen ist der Übergang von direkter militärischer Gewalt hin zu Formen der „weichen Infiltration“. Diese Strategien beruhen weniger auf offenen Angriffen als vielmehr auf finanziellen, geheimdienstlichen und medialen Netzwerken, die im Verborgenen operieren.
Nach Einschätzungen und Sicherheitsberichten aus dem Golfraum nutzen mutmaßlich Hisbollah-nahe Netzwerke häufig zivile und wirtschaftliche Tarnstrukturen — darunter Import-Export-Unternehmen, kleinere Handelsfirmen oder Finanztransfernetzwerke — um Geldflüsse zu organisieren und verdeckte Infrastruktur aufzubauen.
Die VAE sehen darin eine doppelte Gefahr: Einerseits werde die nationale Sicherheit bedroht, andererseits bestehe die Gefahr einer Unterwanderung des Finanz- und Wirtschaftssystems des Landes. Aufgrund ihrer Rolle als globales Handels- und Finanzzentrum haben die Emirate deshalb ihre Maßnahmen gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung deutlich verschärft.
Die strategische Bedeutung der Golfregion
Die Golfstaaten gehen davon aus, dass ihre geopolitische Lage und wirtschaftliche Bedeutung sie zu einem zentralen Ziel regionaler Einflussversuche machen. Die Region gilt als globales Energiezentrum, als strategischer Partner westlicher Staaten und als Stabilitätsmodell in einem konfliktreichen Umfeld.
Vor diesem Hintergrund betrachten viele Golfanalysen die Hisbollah als eines der wichtigsten Instrumente iranischen Einflusses in der Region — nicht nur wegen ihrer militärischen Fähigkeiten, sondern auch aufgrund ihrer Erfahrung im Aufbau verdeckter Netzwerke und transnationaler Finanzstrukturen.
Sicherheitsstrategie der VAE
Die Strategie der Emirate basiert auf dem Prinzip „Prävention vor Konfrontation“. Ziel ist es, potenzielle Bedrohungen frühzeitig zu identifizieren und bereits im Vorfeld einzudämmen. Dazu gehören intensive internationale Kooperationen mit den USA, Europa und internationalen Sicherheitsinstitutionen sowie moderne Gesetzgebung gegen Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung.
Zudem haben die VAE in den vergangenen Jahren mehrere Personen und Organisationen mit mutmaßlichen Verbindungen zur Hisbollah auf nationale Terrorlisten gesetzt. Parallel dazu gewinnt die sicherheitspolitische Zusammenarbeit innerhalb des Golfkooperationsrates zunehmend an Bedeutung.
Neue Formen moderner Konflikte
Aus Sicht der Golfstaaten beschränken sich moderne Konflikte längst nicht mehr auf klassische militärische Auseinandersetzungen. Heute spielen Medien, Cyberoperationen, politische Einflussnahme, wirtschaftlicher Druck und psychologische Strategien eine zentrale Rolle.
Die Emirate betonen daher die Bedeutung gesellschaftlicher Stabilität, wirtschaftlicher Sicherheit und ideologischer Prävention. Moderate politische Diskurse, Toleranz und sozialer Zusammenhalt gelten als wesentliche Schutzfaktoren gegen extremistische Einflussnahme und transnationale Netzwerke.
Nach Auffassung der VAE und anderer Golfstaaten geht die Bedrohung durch Hisbollah-nahe Netzwerke weit über das traditionelle Bild einer bewaffneten Organisation hinaus. Vielmehr handelt es sich um komplexe transnationale Strukturen, die finanzielle, technologische und mediale Instrumente nutzen, um langfristigen Einfluss in der Region aufzubauen.
Daher setzen die Golfstaaten zunehmend auf präventive Sicherheitsstrategien, internationale Kooperation, die Bekämpfung illegaler Finanzströme sowie den Schutz gesellschaftlicher Stabilität und staatlicher Souveränität in einer Zeit wachsender hybrider Bedrohungen.
Das Europäische Zentrum für Terrorismusbekämpfung und Nachrichtdienst, Deutschland und Niederlande –ECCI
