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Was tut Deutschland für den Wiederaufbau in Syrien?

Apr. 1, 2026 | Studien & Berichte | 0 comments

Das Europäische Zentrum für Terrorismusbekämpfung und Nachrichtdienst, Deutschland und Niederlande –ECCI

Was passiert mit Deutschland, wenn die Syrer gehen?

TONLINE ـ Kanzler Merz hat angekündigt, dass 80 Prozent der Syrer Deutschland verlassen sollen. Die Folgen für die deutsche Wirtschaft und Gesellschaft werfen Fragen auf.

Bundeskanzler Friedrich Merz erklärte am Montag, 80 Prozent der aus Syrien geflüchteten, in Deutschland lebenden Menschen nach Syrien zurückführen zu wollen. Bei der gemeinsamen Rede mit seinem Besucher, dem Übergangspräsidenten Syriens, Ahmed al-Scharaa, sagte Merz, das solle innerhalb der nächsten drei Jahre geschehen. Die konkrete Menge von 80 Prozent gehe dabei auf eine Anregung von al-Scharaa zurück, so Merz.

Etwa eine Million Menschen aus Syrien leben aktuell in Deutschland. 80 Prozent würden also über 750.000 syrische Personen bedeuten, andere Schätzungen gehen sogar von 900.000 aus, die in den nächsten drei Jahren das Land verlassen. Sie sollen nach Ende des Bürgerkriegs in ihre alte Heimat zurückkehren, das wünsche auch das neue Staatsoberhaupt al-Scharaa, so Merz.

Viele der Menschen kamen im Zuge der Fluchtbewegung 2015 und 2016 nach Deutschland, leben also seit Jahren hier. Wie wahrscheinlich die Ausreise der Syrerinnen und Syrer ist, was sie in Syrien erwartet und was ihr Weggang für das deutsche System bedeutet: t-online klärt die wichtigsten Fragen.

Wie realistisch ist die Ausreise?

Von etwa einer Million Syrern, die in Deutschland leben, sind nur rund 10.000 ausreisepflichtig, da Syrien noch immer kein sicheres Herkunftsland ist. Solange das so ist, müsste sich die Bundesrepublik über die subsidiäre Schutzberechtigung hinwegsetzen und damit Rechtsnormen der EU ignorieren, will sie diese Menschen ausweisen. Die Zahl der rechtmäßigen Abschiebungen bleibt gering: Zum Jahreswechsel schob Deutschland erstmals seit elf Jahren einen Syrer ab, auf ihn folgten drei weitere Fälle. Wie das Bundesinnenministerium mitteilte, sind jedoch seit Januar 2025 mindestens 9.777 syrische Staatsangehörige freiwillig aus Deutschland ausgereist.

Nicht in diese Rechnung fallen diejenigen Menschen, die als Asylsuchende nach Deutschland kamen, sich in das System integrierten und nach fünf Jahren die Kriterien für die Einbürgerung erfüllten. In den vergangenen Jahren haben rund 250.000 Menschen mit syrischem Migrationshintergrund die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten.

Was passiert mit Deutschland, wenn Syrer gehen?

Seit 2015 stieg die Integration der Syrerinnen und Syrer in den deutschen Arbeitsmarkt kontinuierlich. Im April 2025 waren über 316.000 von ihnen in Arbeit, die meisten (249.000) in sozialversicherungspflichtigen Jobs, wie aus Daten der Bundesagentur für Arbeit hervorgeht. Diese Menschen würden dem deutschen Arbeitsmarkt fehlen. So warnte die deutsche Krankenhausgesellschaft (DGK) am Montag, dass syrische Ärzte die größte Gruppe unter den ausländischen Ärzten in Deutschland bildeten. „Sie haben damit eine erhebliche Bedeutung für die Gesundheitsversorgung“, erklärte die stellvertretende Vorstandsvorsitzende Henriette Neumeyer dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Demnach haben Ende 2024 bereits 5.745 syrische Ärztinnen und Ärzte in deutschen Krankenhäusern gearbeitet.

Neumeyer betonte, syrische Fachkräfte seien auch in der Krankenpflege von größter Bedeutung. Die DGK gehe von mehr als 2.000 syrischen Pflegekräften aus, die in deutschen Krankenhäusern arbeiteten. „Würden diese Fachkräfte wieder das Land verlassen, hätte das spürbare Auswirkungen auf die Versorgung“, so Neumeyer. „Eine Rückkehr zu forcieren, wäre aus Sicht der Gesundheitsversorgung nicht produktiv.“

Auch in anderen Bereichen, in denen Fachkräftemangel herrscht, würden Syrerinnen und Syrer fehlen. Rund 80.000 von ihnen arbeiten in sogenannten Engpassberufen, wie das Institut der Deutschen Wirtschaft ermittelte. Laut dem Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung sind sie neben dem Gesundheitswesen auch stark im Verkehrs- und Logistikbereich, im Lebensmittel- und Gastgewerbe, im Baugewerbe oder als Erzieher tätig.

Wie ist die Situation in Syrien?

Nach 13 Kriegsjahren ist Syrien zu großen Teilen zerstört. Großstädte liegen teilweise zu mehr als 90 Prozent in Trümmern, die Infrastruktur bedarf eines langwierigen Aufbaus. Vielen Syrern fehlt die Lebensgrundlage, fließendes Wasser und ein Dach über dem Kopf. Der Wiederaufbau wird laut Schätzungen der Weltbank etwa 185,3 Milliarden Euro kosten.

Zudem hat es eine große inländische Fluchtbewegung gegeben – laut dem Flüchtlingshilfswerk UNO waren Ende 2024 7,4 Millionen Menschen innerhalb Syriens auf der Flucht. Sie machen damit über die Hälfte der Flüchtlinge mit syrischer Staatsangehörigkeit weltweit aus. Die UN teilt mit, dass 90 Prozent der Bevölkerung in Armut leben und etwa 70 Prozent auf humanitäre Hilfe angewiesen sind.

Als Bundesaußenminister Johann Wadephul im Oktober Syrien besuchte, erteilte er den Wünschen, die Syrer mögen in ihr Land zurückkehren, eine überraschende Absage. Angesichts der drastischen Zerstörung glaube er nicht, dass viele Syrer rasch in ihre Heimat zurückkehren könnten. Auch mahnte er mit Blick auf die ethnischen Konflikte die Einhaltung der Menschenrechte an.

Der 43-jährige al-Scharaa übernahm die Regierung, nachdem seine Islamistenmiliz HTS den Machthaber Baschar Hafiz al-Assad gestürzt hatte. Früher gehörte er der Terrororganisation Al-Kaida an. Heute sucht er Anschluss an den Westen und gibt seiner Regierung einen progressiveren Anstrich. So setzte er mit Hind Kabawat eine Ministerin für Arbeit und Soziales ein, die nicht nur weiblich, sondern auch christlich ist. Doch auch unter dem sunnitischen Muslim al-Scharaa kam es zu Gewalttaten und Morden an syrischen Minderheiten wie den Alawiten, Drusen und Kurden.

Kommen noch immer Asylsuchende aus Syrien?

Nachdem das Assad-Regime Ende 2024 gestürzt wurde, ist der Zuzug syrischer Flüchtlinge in die Bundesrepublik deutlich zurückgegangen. Im Laufe des Jahres 2025 sank die Zahl um 46,5 Prozent, wie das Statistische Bundesamt auf Basis vorläufiger Ergebnisse der Wanderungsstatistik mitteilte.

Die UN warnen jedoch davor, dass dieser Effekt nicht dauerhaft sein könnte, da „die politische Stabilität und die Lebensbedingungen in den Rückkehrregionen“ nicht dauerhaft stabil seien. Auch bleibt die tatsächliche Gewährleistung von Minderheiten- und Frauenrechten durch die neue syrische Regierung abzuwarten. Ihre Nichteinhaltung kann weitere Fluchtursachen bedeuten.

Was tut Deutschland für den Wiederaufbau in Syrien?

Neben der Rückkehr syrischer Menschen aus Deutschland, die für die Ausreise eine staatliche Förderung erhalten können, will die Bundesregierung den Wiederaufbau Syriens mit über 200 Millionen Euro unterstützen. Merz betonte im Gespräch mit al-Scharaa, auch die wirtschaftlichen Beziehungen der beiden Länder sollten gestärkt werden. „Dazu gehört ein attraktives Investitionsklima für deutsche Unternehmen durch entsprechende Reformen mit Rechtssicherheit und dem Aufbau einer funktionierenden Verwaltung in Syrien“, so Merz am Montag.

Dass Syrien stabil bleibt, gilt als wichtig für den Nahen Osten. Die Region ist durch den Krieg von Israel und den USA gegen den Iran, in dessen Zuge auch Zivilisten aus dem Libanon zur Flucht gezwungen sind, stark zerrüttet.

Das Europäische Zentrum für Terrorismusbekämpfung und Nachrichtdienst, Deutschland und Niederlande –ECCI

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