Das Europäische Zentrum für Terrorismusbekämpfung und Nachrichtdienst, Deutschland und Niederlande –ECCI
So gefährlich ist der IS noch
T ONLINE ـ Syrien will sich offenbar einer internationalen Allianz im Kampf gegen den IS anschließen. Die Terrororganisation ist zwar militärisch besiegt, stellt aber immer noch eine Gefahr dar.
Als US-Präsident Donald Trump den syrischen Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa im Mai in Riad zum ersten Mal traf, war der ehemalige Anführer einer islamistischen Miliz von den USA noch als „globaler Terrorist“ mit besonderer Bedeutung eingestuft. Seit Freitag steht er nun nicht mehr auf der Terrorliste, am Montag empfängt Trump al-Scharaa im Weißen Haus – als ersten syrischen Präsidenten, seit das Land 1946 seine Unabhängigkeit erlangte.
Um die entsprechenden Voraussetzungen zu schaffen, hatte der UN-Sicherheitsrat auf Initiative der USA erst in der vergangenen Woche für die Aufhebung der Sanktionen gegen ihn gestimmt. Für al-Scharaa ist das Treffen von großer Bedeutung. So erhoffe er sich die Freigabe „von Milliarden von Dollar, um Syrien wieder aufzubauen und seine Kontrolle über das Land zu festigen“, erklärt der Politikwissenschaftler Nick Heras vom New-Lines-Institut für Strategie und Politik der Nachrichtenagentur AFP.
Trump wiederum will das Land, das unter der Führung des vorigen Herrschers Baschar al-Assad enge Verbindungen zu Russland hatte, enger an den Westen binden. Die USA planen offenbar die Errichtung eines Militärstützpunkts in der Nähe der syrischen Hauptstadt Damaskus.
Ein wichtiger Punkt des Treffens wird auch der erwartete Beitritt Syriens zur US-geführten Koalition gegen die Terrororganisation „Islamischer Staat“ (IS) sein. Nach Angaben des US-Syriengesandten Tom Barrack soll al-Scharaa im Weißen Haus ein entsprechendes Abkommen unterzeichnen. Der IS ist zwar faktisch besiegt, doch es geht weiterhin Gefahr von seinen Mitgliedern aus. Auch Deutschland ist weiterhin am Kampf gegen die Terrororganisation beteiligt.
Syrien geht gegen den IS vor
Al-Scharaa zeigte im Vorfeld bereits, dass er gewillt ist, in diesem Bereich vorzugehen. So verkündete die Übergangsregierung eine großangelegte Operation der Sicherheitskräfte gegen den IS. Wie der Sprecher des Innenministeriums in Damaskus laut der staatlichen Nachrichtenagentur Sana mitteilte, kam es zu mehr als 60 Razzien in verschiedenen Teilen des Landes. Dabei seien mehr als 70 Menschen festgenommen worden. Ein Mitglied der Terrormiliz sei getötet worden, ein Angehöriger der Sicherheitskräfte wurde demnach verletzt.
Elf Jahre nachdem der IS in Syrien und dem benachbarten Irak große Gebiete überrannt und zwischenzeitlich ein Drittel Syriens und 40 Prozent des Irak kontrolliert hatte, ist die Organisation heute zwar militärisch besiegt, existiert aber weiter. Der Terrorismusexperte Peter Neumann erklärte dem deutschen Sicherheitspolitikmagazin „Loyal“ kürzlich: „Der IS wurde unterdrückt, nicht ausgelöscht. Sollte sich der Westen militärisch zurückziehen, besteht durchaus das Risiko, dass die Gruppe erneut erstarkt.“
Dementsprechend ist das Anti-IS-Bündnis auf Unterstützung vor Ort angewiesen. So gibt es im Irak bereits große Fortschritte: Dort ist der iranische Einfluss zurückgegangen, die Armee ist besser aufgestellt und wird von westlichen Partnern ausgebildet und ausgerüstet. Auch in Syrien setzen die USA nun offenbar auf einen gemeinsamen Kampf mit der Regierung.
IS-Aktivitäten nehmen zu
Das ist auch für den neuen syrischen Staatschef von Vorteil, schließlich ist der IS für ihn auch eine große Gefahr, wie Neumann erklärt: „Teilen der alten Anhängerschaft von al-Scharaa ist der neue Kurs des ehemaligen Al-Qaida-Kämpfers viel zu moderat. Sie spalten sich ab und laufen zum IS oder anderen dschihadistischen Gruppen über.“
Laut eines Reuters-Berichts haben die IS-Aktivitäten seit dem Machtwechsel in Syrien im vergangenen Jahr wieder zugenommen. Demnach ist die Organisation dabei, Zellen zu reaktivieren, neue Ziele zu identifizieren, Waffen zu verteilen und ihre Rekrutierungs- und Propagandaanstrengungen zu verstärken.
Eine Bekämpfung des IS liegt also im eigenen Interesse der syrischen Übergangsregierung, zumal diese noch nicht alle Gebiete des Landes kontrolliert. Zwar beherrscht der IS keine Städte und Gebiete mehr, hat aber Rückzugsräume in schwer kontrollierbaren Wüsten- und Bergregionen.
Zahl der IS-Mitglieder stark gesunken
Ein Brennpunkt ist zudem das Lager al-Hol im kurdisch kontrollierten Nordosten Syriens, in dem sich Tausende ehemalige IS-Anhänger aufhalten, die unter anderem auch aus Europa kommen. Neumann warnt: „In anderen Kontexten hat man gesehen, wie Islamisten systematisch versucht haben, solche Kämpfer zu befreien – etwa in Afghanistan oder im Jemen. Wenn die kurdischen Kräfte dort den Halt verlieren oder sich zurückziehen, kann das gravierende Folgen haben.“
So zeigt sich, dass insbesondere ein kontinuierlicher Kampf gegen den IS vor Ort wichtig ist, vor allem, weil Trump angekündigt hatte, Truppen aus der Region abzuziehen. Bisher wurden die Pläne aber noch nicht umgesetzt, auch weil das US-Militär vor den möglichen Folgen eines Abzugs gewarnt hat.
Die Zahl der Mitglieder ist zuletzt deutlich zurückgegangen. Laut Daten der Denkfabrik International Centre for Counter-Terrorism (ICCT) waren im Sommer noch rund 1.500 bis 3.000 IS-Mitglieder in Syrien und dem Irak aktiv, auf dem Höhepunkt waren es 80.000. Allerdings hat sich die Vorgehensweise seitdem deutlich verändert. Nicht mehr die Einnahme von Gebieten steht nun im Fokus, sondern das Verüben von Terroranschlägen.
In diesem Jahr ging die Zahl der Attentate, zu denen sich der IS in Syrien und dem Irak bekannt hat, zurück. Schließlich ist der IS mittlerweile deutlich dezentraler organisiert, zuletzt trat insbesondere der afghanische Ableger IS-Khorasan in Erscheinung. Die Gruppe soll etwa für Anschläge in Afghanistan, dem Iran, Russland oder der Türkei verantwortlich sein.
Deutschland ist weiterhin betroffen
Auch in Deutschland ist der IS weiterhin aktiv. Erst in der vergangenen Woche wurde in Berlin ein IS-Anhänger festgenommen, der einen Anschlag geplant haben soll. Der Attentäter, der in Solingen 2024 drei Menschen erstach, stand mit dem IS in Kontakt, später bekannte sich die Terrororganisation zu der Tat. Eine konkrete Zahl der Anhänger in Deutschland gibt es nicht, es leben laut dem Verfassungsschutz jedoch rund 28.000 Menschen mit islamistischen Verbindungen in Deutschland.
Daher betrifft der Kampf gegen den IS vor Ort auch Deutschland weiterhin stark. Aktuell ist die Bundeswehr im Rahmen einer Nato-Mission und der internationalen Anti-IS-Koalition in Irak. Das Mandat hatte der Bundestag im vergangenen Jahr bis Januar 2026 verlängert. Perspektivisch ist das Ziel, dass die irakischen Sicherheitskräfte den Kampf gegen den IS „weitgehend alleine führen“ sollen.
